Mittwoch, 2. September 2009

Politikentschlossenheit

Was haben PETO, der Blogger Trainer Baade und die Piratenpartei gemeinsam? Alle drei mobilieren Menschen. Junge Menschen. Menschen, die nicht in das übliche Politikraster passen (wollen). Und entgegen der herrschenden öffentlichen (TV- und Print-)Meinung, dass sich die Jugend weder für Politik noch für gesellschaftliche Themen interessiert, organisieren hier Menschen – von weiten Teilen der Bevölkerung unbemerkt – eine Politikumkehr. Es stimmt natürlich, dass sie sich zunächst mal von den etablierten Parteien abwenden – doch sie schaffen auch Alternativen.

PETO und Piratenpartei – Eintagsfliegen?
PETO – bis zur Kommunalwahl in NRW vergangene Woche habe ich noch nie von denen gehört. Gut, ich als Inhaber des großen Latinum (11 Jahre Latein!) weiß natürlich, dass PETO "ich fordere" heißt. Aber sonst? Und nun stellt diese Partei in Monheim (40.000 Einwohner) den Bürgermeister. Den 27-jährigen Daniel Zimmermann. Was ist passiert? Was ganz einfaches: PETO hat Themen, die einfach auf der Straße lagen, aufgegriffen und und dann auch sehr glaubhaft vermittelt. Jugendpolitik, familienfreundliche Politik, Breitensportpolitik, einfach alles was Menschen so zwischen 0 und 35 Jahre bewegt. Ziemlich große Zielgruppe. Ziemlich vernachlässigt von allen anderen Parteien. Wenn selbst die Berufsjugendlichen der Grünen mit Trittin und Künast in den Wahlkampf ziehen, wo finden sich denn dann noch die 25-Jährigen repräsentiert? Bei von und zu Guttenberg? Nö.

Und genauso wie sich diese "Altersgruppe" nach und nach den etablierten Medien entzieht, ignoriert sie die statische Parteipolitik. Sie gründet neue Interessenvertretungen. Zielgenau. Wie auch die Piratenpartei zeigt. Und während PETO bereits seit 1999 im Rathaus von Monheim sitzt und sich stetig noch oben arbeitete, ist die Piratenpartei nun neu eingestiegen. Mit Stadtratssitzen in Aachen und Münster. Zufall? Eintagsfliege? Kann sein. Kann aber auch sein, dass hier eine Interessenvertretung der Generation twitter & facebook heranwächst, sowie einst die SPD als Vertretung der Fabrikarbeiter eine echte Funktion hatte.

Neue Interessenvertretungen
Und dass die digitale Themenwelt von den etablierten Kräften (Parteien, Berufsverbände, Unternehmen etc.) völlig falsch eingeschätzt wird, zeigen Fälle wie die ziemlich missglückte Abmahnung der Bloggers Trainer Baade durch JAKO (alle Infos zu diesem PR-Gau hat dogfood bei allesaussersport zusammengestellt). Die Gemeinschaft im Netz kann in Stundenschnelle (hier ca. 12 Stunden) ein Unternehmens ziemlich unter Druck setzen. Gleiches hat auch schon mit einer beeindruckenden Spendenaktion für den Journalisten Jens Weinreich funktioniert – den wollte nämlich der DFB wegen eines unliebsamen Blogkommentars einfach mal platt machen. Die Gegenöffentlihkeit ist momentan auch das einzige Mittel das den Bloggern, Twitterern und sonstigen Digitaltextern bleibt. Die Rechtslage ist noch in der analogen Welt verhaftet, und das wird wohl noch ein paar Jahre so bleiben. Die derzeit verantwortlichen Politiker blamieren sich ja stets beim Versuch die digitale Welt zu regulieren. Auch Berufsverbände sind mehr an Macht und Buffets interessiert als an der Vertretung der Interessen der Digitalarbeiter – siehe den Fall Weinreich. Nicht umsonst gründen sich – analog zu den neuen Parteien – neue Berufverbände wie die freischreiber, netzwerk recherche oder das sportnetzwerk.

Es geht ein Riß durch die Generationen.
20-30Jährige interssieren sich sehr dafür, wie sie in "ihrem" Medium Meinungsfreiheit ausleben können – ohne stets mit der Furcht vor existenzbedrohenden Abmahnungen leben zu müssen. Jugendliche interessieren sich sehr dafür, wo, wie und mit wem sie spielen oder Sport treiben können. 18-Jährige wollen Musik hören, bearbeiten oder tauschen können, ohne dass sie dadurch zum illegalen Raubritter gestempelt werden. Kurz: Menschen unter 35 wollen nicht als halblegale Randgruppe der Gesellschaft gesehen werden, sondern als elementarer Teil derselben. Die etablierten Parteien verschlafen das leider. Und so prognostiziere ich bereits ab 2012 das 6-Parteien-System inklusive der Piratenpartei. Was wird das für ein Rumgeheule unter den Politikern, Leitartiklern und Politprofis geben. Aber wer sich eben weiterhin nur darauf konzentriert, die Zerstörung Karthagos zu fordern, bekommt das PETO der Zimmermänner und das künftige Entern der Piratenparteien einfach nicht mit.

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